Sulcus vocalis (Stimmlippenfurche)

Sulcus glottidis

Sulcus vocalis – was ist das?

Ein Sulcus vocalis ist eine längs zur Stimmlippenachse verlaufende „Furche“ im Stimmlippenepithel, die zu einer Einschränkung der Verschieblichkeit der Schleimhaut führt. Dies kann ein- oder beidseitig auftreten. Die Stimme ist heiser und angestrengt, meist mit erhöhter Sprechstimmlage.

Die Diagnosestellung bei der Endoskopie gelingt in örtlicher Betäubung nur mit besonderer Untersuchungstechnik und hochauflösenden Optiken. Die Behandlung eines Sulcus ist schwierig, erfordert viel Erfahrung und führt häufig nicht zu einer Normalisierung der stimmlichen Leistungsfähigkeit. Weniger ausgeprägte Veränderungen werden häufig erst bei einer Narkoseuntersuchung diagnostiziert, wenn die Stimmlippen mit Instrumenten ausgetastet werden können. Manchmal sind dabei weitere Zeichen für eine Fehlbildung zu finden, wie beispielsweise eine „mucosal bridge“ oder eine Epidermoidzyste.

Sulcus vocalis

Warum die Diagnose häufig übersehen wird

Insbesondere bei oberflächlichen Sulci kann die Diagnose schwierig sein. In Ruhe erscheint die Stimmlippe oft nahezu unauffällig. Erst während der Schwingung werden die charakteristischen Veränderungen sichtbar (Tabelle

  • longitudinale Furche entlang des Stimmlippenrandes

  • verminderte Randkantenverschieblichkeit

  • reduzierte Schwingungsamplitude

  • ovalärer Glottisspalt

  • asymmetrische Schwingungsmuster

Deshalb bleibt die Stroboskopie weiterhin der diagnostische Goldstandard. Gerade bei professionellen Sängerinnen und Sängern zeigen sich häufig bereits erhebliche funktionelle Einschränkungen, obwohl die morphologischen Veränderungen auf den ersten Blick vergleichsweise diskret erscheinen. Diagnostisch ist eine Palpation immer hilfreich. Diese deckt den Sulcus und dessen Ausmaß auf. Im Behandlungsstuhl kann diese Palpation mit etwas Übung auch in Oberflächensprühanästhesie mittels eines Katheters über einer transnasal geführten flexiblen Optik mit Arbeitskanal erfolgen

Die Ursache eines Sulcus vocalis ist nicht vollständig geklärt. In vielen Fällen scheint es sich um eine Fehlbildung oder eine Veranlagung zu handeln. Besonders in den östlichen Ländern, von der Türkei bis Indien, ist eine familiäre Häufung zu finden. Die Stimmstörung kann ggf. erst im Erwachsenenalter auftreten oder zumindest dann erst sehr deutlich werden.

Warum die Therapie so schwierig ist

Die Behandlung des Sulcus unterscheidet sich grundlegend von der Therapie einer Rekurrensparese oder einer Presbyphonie. Beim Sulcus liegt das Problem tiefer. Zum Einsatz kamen Augmentationen mit Hyaluronsäure, Eigenfett oder Calciumhydroxylapatit. Das Ziel war einfach: Durch eine Volumenzunahme sollte der Glottisschluss verbessert werden. Selbst wenn es gelingt, den Glottisspalt vollständig zu schließen, bleiben jedoch die Schwingungsstörung der Lamina propria und die Stimmlippensteifigkeit bestehen. Die Stimme verbessert sich zwar häufig nach einer Medialisierung, erreicht jedoch selten die Qualität einer gesunden Stimmlippe.

Eine vielversprechende Alternative: Testosteron-Injektion

Eine lokale Injektion von Testosteron in die Stimmlippen (off-label) führt zu einer strukturellen Veränderung des Stimmlippengewebes und einer Änderung des Stimmklangs. Es wird angenommen, dass es aufgrund der androgenen Wirkung zu einer Zunahme der Muskelmasse und des Gewebevolumens in der Lamina propria sowie zu trophischen Veränderungen der Schleimhaut kommt, die sich physikalisch in Veränderungen der biomechanischen Eigenschaften der Stimmlippen äußern.

Dies kann man sich bei der Behandlung eines Sulcus zunutze machen. Eine Testosteroninjektion (mehrfach im Abstand von einigen Wochen) kann zu einem besseren Glottisschluss, einer erleichterten Schwingung der Stimmlippen und einer Reduktion der Behauchtheit des Stimmklangs führen. In einem bisher veröffentlichten Fallbericht wurden zudem Verbesserungen der maximalen Phonationszeit, der subjektiven Stimmqualität und der stroboskopischen Befunde beschrieben.

Da die Evidenz derzeit jedoch auf Einzelfallberichten basiert, bleibt die Wirksamkeit der Methode bislang unzureichend belegt. Ihr Stellenwert bei der Behandlung des Sulcus ist weiterhin als experimentell einzustufen.

Von der Rekonstruktion zur Regeneration

Besonders vielversprechend sind die Fortschritte im Bereich regenerativer Verfahren. Die klassische Phonochirurgie versucht, die Folgen des Sulcus zu kompensieren. Die regenerative Medizin verfolgt ein anderes Ziel: Sie möchte die geschädigte Lamina propria biologisch reparieren. Hier liegt möglicherweise die Zukunft der Sulcus-Therapie. In den letzten Jahren hat die Anwendung von Platelet-Rich Plasma (PRP) Injektionen in die Stimmlippen besondere Aufmerksamkeit gefunden. PRP wird aus patienteneigenem Blut gewonnen und enthält hohe Konzentrationen verschiedener Wachstumsfaktoren

Fazit

Der Sulcus bleibt eine der komplexesten Erkrankungen der Stimmlippen. Die alleinige Verbesserung des Glottisschlusses reicht insbesondere bei höhergradigen Veränderungen häufig nicht aus. Moderne phonomikrochirurgische Therapien kombinieren heute Medialisierung, mikrochirurgische Rekonstruktion und regenerative Verfahren. Insbesondere PRP hat sich als vielversprechender Ansatz etabliert und markiert möglicherweise den Beginn einer neuen Ära der laryngealen Regenerationsmedizin. Für die HNO-Praxis bedeutet dies, dass Patienten mit Sulcus heute deutlich differenzierter und individueller behandelt werden können als noch vor wenigen Jahren.